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Gemalte Literatur – Büchners Lenz auf Leinwand

Büchners Lenz ist wahrlich keine leichte Kost. Bei einem Seitenumfang von knapp 30 Seiten ist er zwar recht überschaubar, doch der Inhalt verlangt dem Leser einiges ab. Ein Individuum gequält von Panikattacken, Anfällen, rastlos, atemlos, getrieben vom "Alp des Wahnsinns". Wilde, raue Natur, Urtümlichkeit, die aber nicht die erhoffte Freiheit oder den Seelenfrieden bringt, sondern die tief verwurzelten Ängste verstärkt. Das Ganze liest sich wie ein einziger Rauschzustand. Da kann es schon mal herausfordernd werden, den passenden Zugang zum Werk zu finden.

Zoom Um dem Abhilfe zu schaffen, hat sich Deutschlehrerin Dr. Anne-Christine Esseln von der Max-Eyth-Schule in Dreieich etwas überlegt. "Guter Unterricht bedeutet, so viele Schüler wie möglich anzusprechen und ins Boot zu holen. Demzufolge muss man die Identifikationsangebote so breit wie möglich streuen. Wir haben uns bereits mit dem historischen und dem biographischen Hintergrund des Werkes beschäftigt. Darüber hinaus stellt der Lenz eine frühe Schizophreniestudie dar, die es ebenfalls zu beleuchten gilt. Dem klinischen Aspekt werden wir uns in den nächsten Wochen noch genauer widmen. Dafür ist es hilfreich, wenn die Schülerinnen und Schüler so gut wie möglich versuchen, sich in den Protagonisten und seine Gefühlswelt hineinzuversetzen. Der Text bietet da jede Menge Potenzial. Also habe ich kurzerhand einen Projektantrag gestellt und das ist das Ergebnis!"

Ihr Leistungskurs Deutsch traf sich am Samstag, 11. März 2017 in der Max-Eyth-Schule, um Büchners Lenz künstlerisch umzusetzen. Hierzu sollten sich die Schülerinnen und Schüler eine Textstelle aus dem Werk aussuchen, die sie mittels Acryl- oder Sprühfarben auf die Leinwand bringen wollen. Ob abstrakt, figürlich oder eine Landschaftsszene – den Schülern ist freie Hand gelassen.

Die Atmosphäre ist entspannt. Aufgeteilt auf zwei lichtdurchflutete Räume arbeiten die Schüler konzentriert an ihren Werken. Manche haben sich für die Staffelei entschieden, andere wiederum haben die Leinwand vor sich auf dem Tisch liegen. Ab und an ein kurzer Blick aufs Handy, jedoch nur, um sich Techniktipps auf YouTube zu holen. Im Hintergrund dudelt das Radio, Ed Sheeran wird lauthals im Chor mitgesungen. Zwei Schüler arbeiten in Sichtweite auf der Wiese hinter dem Gebäude, da sie mit Sprühfarben arbeiten. Am Ende des Raumes steht ein opulentes Büffet, für die gemeinsame Mittagspause ist bestens gesorgt. "So ein Tag ist auch wichtig für die Kursgemeinschaft", sagt Anne-Christine Esseln.Zoom "Und er funktioniert auch nicht mit jeder Lerngruppe, so viel steht fest. Dass kein Einspruch kam, als ich den Tag hier angesetzt habe, spricht für sich. Mir ist bewusst, dass ich den Schülerinnen und Schülern viel abverlange und ich kann mich wirklich glücklich schätzen, solch eine Lerngruppe zu haben. Selbstverständlich ist das nicht."

"Es ist immer wieder interessant, die eigenen Schüler mal im Kontext eines anderen Faches zu erleben", sagt die Mathematiklehrerin Dr. Andrea Vogel, die dem Deutsch-LK einen kurzen Besuch abstattet. Sie bereitet an diesem Samstag ihren Mathematik-LK intensiv auf das anstehende Abitur vor. "Selbst die größten Quasselstrippen arbeiten ganz konzentriert mit", lacht sie.

Die Werke können sich sehen lassen. Spannend ist vor allem der Prozess, den jedes Werk durchläuft. Anne-Christine Esseln hält ihn bei jedem Werk fotografisch fest. Gerade bei abstrakten Werken ist es manchmal ein schmaler Grat zwischen dem gefühlten "Fertig" und dem Gefühl, es jetzt vollends ruiniert zu haben. "Die Bilder haben eben ihren eigenen Willen", sagt sie.

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Mittlerweile ist es 16 Uhr. Die Schüler sind geschafft, aber glücklich. Als die Werke zum Trocknen aufgestellt werden, ergibt sich ein kleiner Galeriegang. "Guck mal, wie krass, das Bild von Adriana!" "Ja, aber die von Laura und Johanna sind auch der Hammer." Die Schüler würdigen einander gegenseitig und sind ernsthaft angetan von der Vielfalt der Stile, die sie in ihren Werken finden. Aufgeräumt wird aber noch gemeinsam.

"Tschüss Frau Esseln, hat Spaß gemacht. War mal was Anderes." "Na denn", lacht Anne-Christine Esseln. "Aber ich glaube die Couch haben wir uns heute alle verdient."

Die Werke des Deutsch Leistungskurses werden in der Zeit vom 18.04. bis 28.04.2017 in einer Ausstellung im Haus des lebenslangen Lernens in Gebäude 3, 1. Stock zu sehen sein.

 

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